Facharzt für Psychotherapeutische Medizin - Psychotherapie

Ich sehne mich

Ich sehne mich, die tiefsten Worte dir zu sagen, die ich habe,
jedoch ich wag es nicht, aus Furcht, du könntest lachen.
Das ist’s, warum ich lache über mich und in Scherzen mein Ge-
heimnis zu Scherben schlage.
Ich achte meinen Schmerz gering, aus Furcht, du könntest auch
so denken.
 
Ich sehne mich, die wahrsten Worte dir zu sagen, die ich habe,
jedoch ich wag es nicht, aus Furcht, du möchtest ihnen keinen
Glauben schenken.
Das ist’s, warum ich sie in Lügen kleide, ganz anders rede, als
ich denke.
Ich lasse meine Qualen widersinnig scheinen, aus Furcht, du
könntest sie genau so sehen.

Ich sehne mich, das Kostbarste an Worten, was ich habe, für
dich zu brauchen, jedoch ich wag es nicht, aus Furcht, du könn-
test nicht mit gleicher Münze zahlen.
Das ist’s, warum ich dich mit rauhen Worten schelte und mich
hartherziger Stärke rühme.
Ich will dir wehe tun, aus Furcht, du könntest niemals wissen,
was Schmerzen sind.

Ich sehne mich, wortlos bei dir zu sitzen, jedoch ich wag es
nicht, aus Furcht, es könnte von meinen Lippen überfließen,
was mein Herz bewegt.
Das ist’s, warum ich plaudere und schwatze und hinter Worten
mein Gefühl verberge.
Grob geh ich um mit meiner Qual, aus Furcht, du möchtest
Gleiches tun.
 
Ich sehne mich, dich zu verlassen, jedoch ich wag es nicht, aus
Furcht, du könntest meine Feigheit darin merken.
Das ist’s, warum ich unbekümmert, erhobnen Haupts, in deine
Nähe komme.
Jeder Blick aus deinen Augen ist ein Stich in meine Wunde und
hält sie ewig offen.

Rabindranath Tagore
Der Gärtner, Freiburg o.J. (Hyperion)



Hemd zu Kurz

Hemd zu Kurz

“Hemd zu kurz, Hose zu lang
Mir selbst zulächelnd
Versuche ich geradeaus zu gehen.”

Zen-Meister Ryokan